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Festigkeitsklassen für Schrauben

Was 8.8, 10.9 und 12.9 tatsächlich bedeuten — mit Zugfestigkeit, Streckgrenze, Härte und Bruchdehnung nach ISO 898-1, den Edelstahlklassen A2-70 und A4-80 nach EN ISO 3506-1 und den passenden Mutternklassen. Echte HTML-Tabellen und ein kostenloses PDF. Direkt zum Thema:

Festigkeitsklassen-Tabelle nach ISO 898-1

Die Werte sind Mindestwerte: eine Schraube der Klasse 8.8 muss sie erreichen, darf aber darüber liegen. Ab Klasse 8.8 wird nicht mehr die Streckgrenze, sondern die 0,2-%-Dehngrenze geprüft — vergüteter Stahl hat keinen ausgeprägten Streckpunkt mehr.

Mindestwerte nach ISO 898-1 für Schrauben aus Stahl
KlasseRm min
N/mm²
Streckgrenze
N/mm²
Härte
HV min
Bruchdehnung
A min %
Werkstoff
4.640024012022Kohlenstoffstahl, unlegiert
4.8420340130Kohlenstoffstahl, unlegiert
5.650030015520Kohlenstoffstahl, unlegiert
5.8520420160Kohlenstoffstahl, unlegiert
6.8600480190Kohlenstoffstahl, unlegiert
8.880064025012Kohlenstoffstahl vergütet oder Borstahl
9.890072029010Kohlenstoffstahl vergütet oder Borstahl
10.910409403209Legierter Stahl, vergütet
12.9122011003858Legierter Stahl, vergütet
8.8 (> M16)83066025512Kohlenstoffstahl vergütet oder Borstahl

Die letzte Zeile ist kein Tippfehler: ISO 898-1 setzt für 8.8 über M16 leicht höhere Mindestwerte an (830 statt 800 N/mm²), weil größere Querschnitte anders durchvergütet werden. Viele Tabellen im Netz lassen diese Unterscheidung weg.

Wie man den Wert aus der Bezeichnung ausrechnet

Die beiden Zahlen sind keine Katalognummer, sondern eine Rechenvorschrift. Erste Zahl × 100 = Zugfestigkeit in N/mm². Beide Zahlen × 10 = Streckgrenze. Die zweite Zahl ist damit das Verhältnis von Streckgrenze zu Zugfestigkeit in Zehnteln — bei 8.8 also 80 %.

Nennwerte, direkt aus der Klassenbezeichnung abgeleitet
KlasseNennwert RmNennwert StreckgrenzeÜbliche Werkstoffe
4.64 × 100 = 4004 × 6 × 10 = 240S235, C15
4.84 × 100 = 4004 × 8 × 10 = 320C15, C22
5.65 × 100 = 5005 × 6 × 10 = 300C22, C35
5.85 × 100 = 5005 × 8 × 10 = 400C35
6.86 × 100 = 6006 × 8 × 10 = 480C45
8.88 × 100 = 8008 × 8 × 10 = 640C35, C45, 34Cr4, 37Cr4
9.89 × 100 = 9009 × 8 × 10 = 72034Cr4, 37Cr4
10.910 × 100 = 100010 × 9 × 10 = 90034CrMo4, 42CrMo4
12.912 × 100 = 120012 × 9 × 10 = 108042CrMo4, 34CrNiMo6

Edelstahl: A2-70 und A4-80 statt 8.8

Nichtrostende Schrauben tragen keine 8.8-Kennzeichnung. Sie laufen nach EN ISO 3506-1, wo der Buchstabe die Werkstoffgruppe angibt (A2 ≙ 1.4301 / AISI 304, A4 ≙ 1.4404 / AISI 316L) und die Zahl die Festigkeitsstufe.

Festigkeitsstufen für nichtrostende Schrauben nach EN ISO 3506-1
KlasseRm min N/mm²Rp0,2 min N/mm²Einordnung
A2-50 / A4-50500210weich, umgeformt — für Korrosionsschutz, nicht für Festigkeit
A2-70 / A4-70700450kaltverfestigt — der übliche Standard für Edelstahlschrauben
A2-80 / A4-80800600hoch kaltverfestigt — höchste Festigkeit in Edelstahl

Der Zielkonflikt, an dem die meisten Projekte hängen: selbst A4-80 bleibt mit 800 N/mm² unter einer gewöhnlichen 8.8 — und deutlich unter 10.9. Wer Seewasserbeständigkeit und hohe Festigkeit braucht, bekommt beides mit keiner Katalogschraube gleichzeitig. Übliche Auswege: größerer Querschnitt in A4, Duplexstahl, oder eine Sonderschraube in beschichtetem Vergütungsstahl. Welcher Weg trägt, hängt an Ihrer Verbindung — wir rechnen das mit Ihnen durch.

Welche Mutter zu welcher Schraube passt

Die Zahl der Mutternklasse nennt die höchste Schraubenklasse, mit der sie gepaart werden darf. Eine zu schwache Mutter reißt im Gewinde aus, bevor die Schraube ihre Vorspannung erreicht — die hochfeste Schraube bringt dann nichts.

Mutternklassen nach ISO 898-2
MutternklassePassend zu Schraubenklasse
Mutter 55.6 / 5.8
Mutter 66.8
Mutter 88.8
Mutter 1010.9
Mutter 1212.9
Sortiment gefertigter Sonderschrauben und Verbindungselemente in Vergütungsstahl, Edelstahl und Titan
Sonderschrauben nach Zeichnung — Vergütungsstahl, Edelstahl A2/A4 und Titan Grade 5

Was die Tabelle nicht sagt

Wasserstoffversprödung. Ab Klasse 10.9 kann beim galvanischen Verzinken Wasserstoff ins Gefüge wandern und die Schraube spröde machen — teils erst Stunden nach der Montage. Vorgeschrieben ist deshalb ein wasserstoffarmes Glühen kurz nach der Beschichtung. Feuerverzinken und Zinklamellensysteme umgehen das Problem konstruktiv.

Spannungsrisskorrosion. 12.9 ist dafür am anfälligsten. In chloridhaltiger oder dauerfeuchter Umgebung kann sie ohne Vorwarnung brechen, während eine 8.8 an derselben Stelle nur nachgibt. Die höchste Klasse ist nicht automatisch die sicherste.

Temperatur. Die Werte gelten für Raumtemperatur. Vergütete Schrauben verlieren mit steigender Betriebstemperatur an Festigkeit; oberhalb des Anlassbereichs sind warmfeste Werkstoffe nötig, keine höhere Klasse.

Kerben und Nacharbeit. Eine hochfeste Schraube reagiert empfindlich auf nachträglich eingebrachte Kerben. Gewinde nachschneiden, Kopf anbohren oder Schaft kürzen setzt die zugesicherte Klasse außer Kraft — solche Teile gehören neu gefertigt statt nachgearbeitet.

Titan und Aluminium: hier endet das Klassensystem

Für Schrauben aus Titan und Aluminium gibt es keine Festigkeitsklasse nach ISO 898-1 — das System gilt ausschließlich für Stahl. Diese Schrauben werden über Legierung und Zustand bezeichnet, und genau daran scheitern Anfragen wie „bitte in 8.8, aber aus Alu".

  • Titan Grade 5 (Ti-6Al-4V) — rund 900 N/mm² Zugfestigkeit bei etwa 55 % des Stahlgewichts. Liegt damit zwischen 8.8 und 10.9, ist aber weder billig noch überall verfügbar. Einsatz: Motorsport, Luft- und Raumfahrt, Medizintechnik.
  • Aluminium EN AW-7075 — die festeste gängige Knetlegierung, im Zustand T6 etwa 500 N/mm². Damit unterhalb einer 5.8 in Stahl, aber bei einem Drittel des Gewichts.
  • Aluminium EN AW-6061 — deutlich weicher als 7075, dafür besser korrosionsbeständig und eloxierfähig. Für Leichtbauschrauben mit untergeordneter Last.

Die Regel dahinter: Wer Gewicht sparen will, kauft das mit Tragfähigkeit. Eine Alu-Schraube ersetzt keine 8.8 im gleichen Querschnitt — sie braucht mehr Gewinde, mehr Durchmesser oder eine andere Verbindungsgeometrie. Wir fertigen Schrauben in beiden Werkstoffen nach Zeichnung, sagen aber vorher, wenn die geforderte Last damit nicht darstellbar ist.

Schnellantworten

Was bedeutet 8.8 auf einer Schraube?

Die erste Zahl mal 100 ergibt die Zugfestigkeit, beide Zahlen mal 10 die Streckgrenze: 8.8 = 800 N/mm² Zugfestigkeit, 640 N/mm² Streckgrenze. Die zweite Zahl ist also das Verhältnis von Streckgrenze zu Zugfestigkeit — bei 8.8 sind das 80 %. Es ist die mit Abstand häufigste Klasse im Maschinenbau.

Was ist der Unterschied zwischen 8.8 und 10.9?

10.9 hält rund 30 % mehr aus: 1040 statt 800 N/mm² Mindestzugfestigkeit und 940 statt 640 N/mm² Streckgrenze. Erkauft wird das mit legiertem, vergütetem Stahl (34CrMo4, 42CrMo4) statt einfachem Vergütungsstahl — und mit geringerer Bruchdehnung: 9 % gegenüber 12 %. Eine 10.9 verzeiht Überlastung weniger, sie reißt eher als dass sie sich dehnt.

Welche Festigkeitsklasse brauche ich?

8.8 deckt den allergrößten Teil im Maschinen- und Anlagenbau ab. 10.9 nimmt man, wenn die Schraube kleiner bauen muss als die Last erlaubt — etwa an Pleueln, Zylinderköpfen oder hochbelasteten Flanschen. 12.9 ist Sonderfall für Werkzeug- und Vorrichtungsbau. 4.6 und 5.8 reichen für untergeordnete Verschraubungen, Bleche und Gehäusedeckel.

Ist 12.9 immer die sicherste Wahl?

Nein — und das ist der teuerste Irrtum bei diesem Thema. 12.9 ist am wenigsten duktil (8 % Bruchdehnung), reagiert empfindlich auf Kerben und ist anfällig für Spannungsrisskorrosion. In feuchter oder chloridhaltiger Umgebung kann eine 12.9 spröde versagen, wo eine 8.8 nur nachgibt. Höher ist nicht gleich sicherer.

Welche Festigkeitsklasse hat Edelstahl?

Edelstahlschrauben laufen nach EN ISO 3506-1 und tragen keine 8.8-Kennzeichnung, sondern z. B. A2-70 oder A4-80. A2-70 erreicht 700 N/mm² Zugfestigkeit und 450 N/mm² Streckgrenze — damit liegt selbst A4-80 (800/600) noch unter einer 8.8. Wer Korrosionsbeständigkeit will, verliert Festigkeit; das ist der eigentliche Zielkonflikt.

Welche Mutter passt zu welcher Schraube?

Die Zahl der Mutternklasse nennt die höchste Schraubenklasse, die sie tragen darf: eine Mutter 8 passt zu 8.8, Mutter 10 zu 10.9, Mutter 12 zu 12.9. Eine zu schwache Mutter reißt im Gewinde aus, bevor die Schraube ihre Vorspannung erreicht — der Grund, warum eine hochfeste Schraube mit Baumarktmutter nichts bringt.

Wo steht die Festigkeitsklasse auf der Schraube?

Bei Sechskantschrauben auf dem Kopf, bei Zylinderschrauben mit Innensechskant ebenfalls auf der Kopfoberseite. Sie steht dort als Zahlenpaar (8.8, 10.9, 12.9), meist neben dem Herstellerzeichen. Bei Edelstahl steht stattdessen A2-70 oder A4-80. Fehlt die Kennzeichnung ganz, ist keine Klasse zugesichert — dann gilt die Schraube als unbestimmt.

Wenn die passende Klasse in der benötigten Form nicht lieferbar ist: hochfeste Schrauben in Übergrößen, ungewöhnlichen Längen oder mit Sonderkopf stehen in keinem Katalog — und für abgekündigte Maschinen gibt es sie ohnehin nicht mehr. Wir fertigen Sonderschrauben nach Zeichnung oder Muster in 42CrMo4 und 34CrNiMo6, in Edelstahl A2/A4 und in Titan Grade 5 — ab Losgröße 1, auf Wunsch mit Abnahmeprüfzeugnis 3.1 nach EN 10204. Auch Großschrauben jenseits der Katalogmaße und Feingewindeschrauben gehören dazu. Den Anzugswert zur gewählten Klasse finden Sie in der Drehmoment-Tabelle.

Häufige Fragen zu Festigkeitsklassen

Die erste Zahl mal 100 ergibt die Zugfestigkeit in N/mm², beide Zahlen mal 10 die Streckgrenze. 8.8 bedeutet also 800 N/mm² Zugfestigkeit und 640 N/mm² Streckgrenze.

10.9 hat 1040 N/mm² Mindestzugfestigkeit und 940 N/mm² Streckgrenze gegenüber 800 und 640 bei 8.8 — rund 30 % mehr Tragfähigkeit, aber geringere Bruchdehnung (9 % statt 12 %) und legierter, vergüteter Stahl statt einfachem Vergütungsstahl.

Nein. 12.9 ist mit 8 % Bruchdehnung am wenigsten duktil, kerbempfindlich und anfällig für Spannungsrisskorrosion. In korrosiver Umgebung kann sie spröde versagen, wo eine 8.8 nachgibt. Die höhere Klasse ist nur bei entsprechend ausgelegter Verbindung die bessere Wahl.

Edelstahlschrauben werden nach EN ISO 3506-1 klassifiziert, z. B. A2-70 (700 N/mm² Zugfestigkeit, 450 N/mm² Streckgrenze) oder A4-80 (800/600). Sie tragen keine 8.8-Kennzeichnung und liegen in der Festigkeit unter vergüteten Stahlschrauben.

Eine Mutter der Klasse 10. Die Zahl der Mutternklasse gibt die höchste Schraubenklasse an, mit der sie gepaart werden darf — Mutter 8 zu 8.8, Mutter 10 zu 10.9, Mutter 12 zu 12.9.

Beim galvanischen Verzinken kann Wasserstoff in das Gefüge eindringen und hochfeste Schrauben spröde machen (Wasserstoffversprödung). Ab Klasse 10.9 ist deshalb ein wasserstoffarmes Glühen kurz nach der Beschichtung erforderlich. Feuerverzinken oder Zinklamellenbeschichtung umgehen das Problem.

Ja. Wir fertigen Sonderschrauben nach Zeichnung oder Muster in Vergütungsstahl wie 42CrMo4 und 34CrNiMo6, in Edelstahl A2/A4 sowie in Titan Grade 5, ab Losgröße 1 und auf Wunsch mit Abnahmeprüfzeugnis 3.1 nach EN 10204 für den eingesetzten Werkstoff.

Die Klasse steht fest, die Schraube gibt es nicht?

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